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„Spieglein, Spieglein an der Wand …“ | Februar 2022


von Henry Becker

„Es war einmal mitten im Winter. Die Schneeflocken fielen wie Federn vom Himmel herab. Da saß eine Königin an einem Fenster, das einen Rahmen von schwarzem Ebenholz hatte, und nähte. Und wie sie so nähte und nach den Schneeflocken schaute, stach sie sich mit der Nadel in den Finger. Es fielen drei Tropfen Blut in den Schnee.

Und weil das Rote im weißen Schnee so schön aussah, dachte sie bei sich:
‚Hätte ich ein Kind so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie Ebenholz.‘

Bald darauf bekam sie ein Töchterlein. Mit Haut so weiß wie Schnee, Wangen so rot wie Blut und Haaren so schwarz wie Ebenholz. Es wurde darum Schneewittchen genannt. Und wie das Kind geboren war, starb die Königin.

Nach einem Jahr nahm sich der König eine andere Frau. Sie war eine schöne Frau, aber sie war stolz und konnte nicht leiden, dass sie an Schönheit von jemandem übertroffen werden sollte. Sie hatte einen wunderbaren Spiegel. Wenn sie vor den trat und sich darin beschaute, sprach sie:

‚Spieglein, Spieglein an der Wand…‘“

Viele von uns kennen wahrscheinlich das Märchen von Schneewittchen und der bösen Stiefmutter. In diesem Märchen spielt der Spiegel, den die böse Stiefmutter hat, eine ganz zentrale Rolle.

Meistens wird die böse Stiefmutter ja als reines Negativbeispiel benutzt. Aber von dem Umgang der bösen Stiefmutter mit ihrem Spiegel können wir einiges für uns lernen.

Deswegen heißt das Thema für heute:

„Spieglein, Spieglein an der Wand …“

Das Erste, das wir vom Spiegel lernen dürfen ist:

1. Spieglein, Spieglein an der Wand…
… ich schaue ganz gebannt

Wenn die böse Stiefmutter im Märchen erfahren wollte, ob sie die Schönste war oder nicht, dann konnte sie sich einfach vor ihren Spiegel stellen und ihn fragen. Der Spiegel hat ihr dann eine genaue Auskunft gegeben. So einfach hatten es die Leute zurzeit der Bibel nicht:

Jakobus 1,23–25a
“Denn wer nur Hörer des Wortes ist und nicht Täter, der gleicht einem Mann, der sein natürliches Angesicht im Spiegel anschaut; er betrachtet sich und läuft davon und hat bald vergessen, wie er gestaltet war. Wer aber hineinschaut in das vollkommene Gesetz der Freiheit…”

Die Spiegel damals waren meistens keine Glasspiegel wie wir sie heute kennen. Es gab Glasspiegel zwar schon, aber die wenigsten Leute hatten sie. Die meisten benutzten als Spiegel eine Fläche aus polierten Metall, zum Beispiel Kupfer. Bei diesen Kupferspiegeln waren die Reflexion und damit auch das Spiegelbild allerdings nicht so klar, wie wir es heute kennen. Das Bild war eher undeutlich. Man musste sich früher richtig anstrengen um zu sehen wie man wirklich aussah und sehr intensiv in den Spiegel schauen.

Jakobus greift das in den Versen 23-25, die wir gelesen haben, auf. Das Wort, das in Vers 23 mit „anschauen“ und in Vers 24 mit „betrachten“ übersetzt wird, beschreibt ein intensives Betrachten.

Das Wort, das in V. 25 gebraucht wird, heißt sogar eigentlich sich „bücken“ oder „beugen“. Hier wird wahrscheinlich das Bild gebraucht, dass man sich über den Spiegel beugt um sein Spiegelbild noch besser sehen zu können.

Bei der Bibel sollten wir das genauso machen. Es reicht nicht aus einfach nur einen flüchtigen Blick in die Bibel zu tun und dann zu meinen, man wisse, was sie sagt. Sondern es braucht einen intensiven genauen Blick, der nicht nur oberflächlich ist, sondern auf die Details achtet.

Da passt auch das Bild, das Jakobus verwendet, gut: Wie sich die Leute damals über ihre Spiegel gebeugt haben, sollten wir uns über unsere Bibel beugen.

Nachdem wir den Spiegel in der Hand haben und intensiv in ihn hineingeschaut haben, gehört dann aber auch das Zweite dazu:

2. Spieglein, Spieglein an der Wand…
…wie kann ich sein, die Schönste im Land?

Bei Schneewittchen fragt die böse Königin den Spiegel immer wieder: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Als der Spiegel ihr dann aber antwortet: “Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr.” Da ist die Königin unzufrieden und ergreift Maßnahmen, um wieder die Schönste zu sein.

Auch davon können wir was lernen:

Jakobus 1,22–24
“Seid aber Täter des Wortes und nicht bloß Hörer, die sich selbst betrügen. Denn wer nur Hörer des Wortes ist und nicht Täter, der gleicht einem Mann, der sein natürliches Angesicht im Spiegel anschaut; er betrachtet sich und läuft davon und hat bald vergessen, wie er gestaltet war.”

Wie würden wir reagieren, wenn jemand einen riesigen Fleck Nutella im Gesicht kleben hat und so richtig “zum Anbeißen” aussieht, dann zum Spiegel geht, sich 10 Minuten intensiv anschaut und dann einfach wieder vom Spiegel weg geht und nichts ändert? „Da würden wir doch sagen: Sach mal, du hast jetzt zehn Minuten in den Spiegel geschaut uns siehst nicht, dass du nen riesen Fleck im Gesicht hast?“ Und der antwortet einem einfach: „Wie??? Ich habe Nutella im Gesicht?“ Bei so jemanden würden wir uns doch fragen: entweder will er uns veräppeln oder bei dem “stimmt irgendwas nicht”.

Aber genauso gehen wir oft mit der Bibel um. Wir nehmen sie zur Hand, wir schauen intensiv rein, studieren und gewinnen neue Erkenntnisse, aber es kommt nie zur Praxis. So sollte es bei uns aber nicht sein. Wir sollen das Wort Gottes ganz konkret in die Praxis umsetzen.

Wenn du etwas liest, stelle dir die Fragen:
   „Was hat das, was ich gelesen habe, mit meinen Alltag zu tun?“
„Wie kann ich das Gelesene in die Praxis umsetzen?“
„Was bedeutet es konkret für mein Leben?“

Wenn du das nächste Mal morgens vorm Spiegel stehst, dann denke an Schneewittchens Stiefmutter. Und denke daran:

1. dass wir intensiv in die Bibel hineinschauen sollen und
2. dass das, was wir aus ihr lernen, Konsequenzen für unser Denken und Handeln haben sollte.

Spieglein, Spieglein an der Wand … Jesus, verändere mich durch deine Hand!